Erinnerungen von Bruno Hesse

„Meistens machten wir uns am Nachmittag auf den Weg. Das Malen war sicher auch ein Ausgleich zum Schreiben für Vater, insbesondere im Sommer malte er viel. Vielleicht war ihm das Malen sogar zeitweise ebenso wichtig wie das Schreiben. Vater hat ja auch viele seiner Briefe mit seinen Briefbildchen illustriert. Manchmal gingen wir etwas weiter weg, den ganzen Tag über. Dann nahmen wir außer dem Malzeug auch unser Mittagsbrot im Rucksack mit. Unterwegs erzählte Vater von seinen Italienreisen in früheren Jahren. Manchmal, im Gehen oder auch bei der Gartenarbeit, sang er leise alte italienische Volkslieder. Einen besonders schönen Ausflug unternahmen wir am 21. Juni 1922. Wir wollten gerade zum Malen ausziehen, als mein damals elfjähriger Bruder Martin zur Haustür hereinkam. Aus seinem Rucksack guckte ein Katzenköpfchen. Er war morgens um vier Uhr mit dem Velo in Ascona abgefahren und brachte Vater eines von Mutters jungen Kätzchen. Die gute Natalina, Vaters Haushälterin, gab Martin zu essen und versorgte das Büßi. Dann zogen wir zu dritt aus, den Waldweg bei den Grotti vorbei nach Capella hinab, nach Muzzano und Biogno und zur Kirche von Biogno hinauf. Es war ein herrlicher, sonniger Tag. Zur Mittagsrast setzten wir uns auf ein Mäuerchen, das von der Sonne ganz warm war und Vater sagte: "Man darf das gar nicht laut sagen - aber bei diesem warmen Sonnenschein ist es beinahe schade, wenn man gerade mal keinen Rheumatismus hat." Vater und ich malten, später wanderten wir dann gemächlich wieder heimwärts, da und dort noch zeichnend und malend. Als liebe Erinnerung habe ich noch Aquarelle, die Vater an diesem Tag gemalt hat.“

(Aus: Erinnerungen der Söhne an ihren Vater Hermann Hesse, Hrsg. Uli Rothfuss).

 

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