Marie Gundert

© Suhrkamp Verlag, Berlin

Als Marie Hesse (1842 - 1902), geb. Gundert, verwitwete Isenberg, 1877 ihren Sohn Hermann zur Welt bringt, ist sie knapp 35 Jahre alt. Im Herbst 1874 hatte die im indischen Talasseri geborene Missionarstochter den Gehilfen ihres Vater, Johannes Hesse, geheiratet. Mit ihm hat sie insgesamt sechs Kinder, wovon zwei früh verstarben. Aus erster Ehe mit dem 1807 verstorbenen Indienmissionar Charles Isenberg brachte sie bereits zwei Kinder mit.

„Am Montag, 2. Juli 1877, nach schwerem Tag, schenkt Gott in seiner Gnade abends halb sieben Uhr das heiß ersehnte Kind, unsern Hermann, ein sehr großes, schweres, schönes Kind, das gleich Hunger hat, die hellen, blauen Augen nach der Helle dreht und den Kopf selbständig dem Licht zuwendet, ein Prachtexemplar von einem gesunden, kräftigen Burschen. Heute, 20. Juli, nach achtzehn Tagen, schreibe ich dies. Bin wieder fast den ganzen Tag auf, nur noch sehr schwach und steif in den Beinen. Der Kleine ist sehr brav, kommt bloß einmal nachts und schläft bei Tag sechs Stunden in einem Strich. Johnny ist so glücklich mit seinem Sohn, und die drei Kinder jubeln übers Brüderlein“, notierte Marie Hesse, die 40 Jahre lang Tagebuch geführt hat. Diese persönlichen Aufzeichnungen vermitteln das Bild einer geistig lebendigen Frau, die das französische Temperament ihrer Mutter geerbt hat. Hermann Hesse schreibt über seine Mutter:

„Sie war die Tochter von bedeutenden, charaktervollen und in ihrem ganzen Wesen stark von einander verschiedenen Eltern, des schwäbischen Vaters Gundert und der welschschweizerischen Mutter Dubois, und sie hat die Erbeigenschaften beider Herkünfte, die zum Teil geradezu gegensätzliche waren, auf eine erstaunliche Weise in sich vereinigt und zu etwas Neuem gemacht. Von der welschen Mutter hat sie nicht nur die Gestalt, die dunklen großen Augen mit dem ebenso gütigen, wie durchdringenden Blick und den Schnitt des Gesichtes geerbt, sondern auch die Energie und Leidenschaftlichkeit; diese war aber wunderbar gemildert und geschmeidigt durch Erbschaften vom Vater her.

(Aus: „Meine Mutter“, unveröffentlichtes Fragment)